Einführung

Unser Museum zeigt, wie Menschen in den Dörfern des Komitates Vas in den letzten zweihundertfünfzig Jahren gelebt haben. Die Bauernwelt längst vergangener Epochen, das vielfältige volkskundliche und Naturerbe der westungarischen Grenzregion kann aber nicht nur durch ständige Ausstellungen, sondern im Rahmen von handwerklichen und museumspädagogischen Workshops, saisonalen Jahrmärkten und Folklore-Festivals entdeckt und erlebt werden.

Der Architekt, János Tóth, und der Ethnologe, Ágoston Pável, hegten bereits in den 1930ern den Gedanken an ein Dorfmuseum. Sie wollten die schönsten Gebäude der Wart, des Vend-Gebietes, der Hegyhát- und Kemenesalja-Region in einen Park der Stadt Stzombathely übersiedeln. Ihr Plan konnte aber wegen des sich anbahnenden Weltkrieges nicht umgesetzt werden. In den 1950ern erwachte ein reges Interesse an den aus Sicht der Volksarchitektur bedeutenden Regionen. Im Komitat Vas bot sich neben der Bewahrung der wertvollen Gebäudekomplexe vor Ort (Cák, Szalafő) die Umsiedlung solcher Komplexe in eine Freilichtsammlung als eine besonders lehrreiche Methode der Rettung volkstümlicher Denkmäler an. Der Bau des Freilichtmuseums wurde 1968 in dem Komitatssitz begonnen und so konnte es seine Tore in Szombathely als zweites Freilichtmuseum in Ungarn im Jahre 1973 öffnen. János Bárdosi, Ethnologe des Savaria Museums, hatte bei dem Erfolg dieser Initiative neben vielen anderen eine tragende Rolle.

Das Freilichtmuseum ist bemüht die Atmosphäre alter Dörfer widerzugeben. Die Anbringung der Häuser spiegelt Originalzustände wider, geschlossene Gebäudereihen wurden straßenartig, die Streusiedlungen mit größeren Lücken dazwischen angesiedelt. Die Gebäudekomplexe erwecken die traditionelle bäuerliche Wohn- und Hauskultur vergangener Jahrhunderte in Form eines tatsächlichen Dorfes wieder zum Leben. Die halbkreisförmig angelegte Straßenreihe zeigt die flachen Gebiete und die deutsche bzw. kroatische Minderheit in dem Komitat. Auf dem künstlichen Hügel sind die Weilersiedlungen der Wart und des slowenischen Vend-Gebietes zu sehen. Am Südhang des Hügels wurde nach dem Muster der für Süd-Transdanubien Jahrhunderte lang charakteristischen bäuerlichen Weinberge eine Kellerreihe gestaltet. Die geplante zweite Bauphase des Dorfmuseums ist bemüht ein dem Bestehenden angepasstes Dorfbild zu gestalten. Die halbkreisförmig angelegte Straße wird als beidseitig bebaute Straßenreihe fortgesetzt, es wird aber auch ein trichterförmiges Dorfzentrum gestaltet.

In den Wohnhäusern, Gehöften und Wirtschaftsgebäuden des Dorfmuseums sind Tag für Tag Leute zu treffen, die sich mit Arbeiten im und um das Haus beschäftigen. Unsere Kollegen informieren Sie gerne darüber, wie alte Speisen traditionell zubereitet und Werkzeuge gebraucht wurden. Abgesehen von der traditionellen, gebauten Umwelt können Sie Blumen, sowie Gemüsesorten der Gärten, alte Obst und Rebsorten, Nutzpflanzen der Äcker, sowie traditionelle Tierarten der Region kennenlernen.

 

Öffentliche Gebäude

Das Symbol des Freilichtmuseums ist der Glockenstuhl von Molnaszecsőd, welcher aufgrund seiner Form sowie seiner Maß- und Massenverhältnisse zu den schönsten Glockenstühlen Südwest-Transdanubiens gehört. Der Glockenstuhl mit vier Pfeilern und einem Grundbalken wurde vielleicht eben in dem Jahr gebaut, als seine Originalglocke gemacht wurde, nämlich 1772. Das rockartige Dach und der Helm sind mit Schindeln bedeckt. Das Dach ist durch einen profilierten Sims an die Dachbalken gebunden. An der mit Brettern versehenen Galerie befindet sich auf jeder Seite eine Fensteröffnung. Glockentürme dienten neben dem Läuten der Glocken zu verschiedenen Anlässen, als Späh- und Wachposten.

Auf einem der ungarischen Meilensteine von der Wende des 19-20. Jahrhunderts, dem aus Kalkstein gemeißelten Obelisk sind aufgemalte Angaben zu sehen. Es stand an der nach dem Rákóczi-Freiheitskampf (1704-1711) wieder in Betrieb genommenen Poststraße, die von Pressburg nach Warasdin führte: an dem Weg von Szombathely nach Kőszeg, bei Kámon auf der linken Seite der ehemaligen Hauptstraße 87. Die Römer begannen Meilensteine zu stellen, solche wurden auch in Savaria gefunden und in dem Savaria Museum ausgestellt.

Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts an dem langsam fließenden Gyöngyös-Bach gebaute unterschlächtige Wassermühle bei Szentkirály (heute ein Teil von Szombathely) wurde Ende des 19. Jahrhunderts umgebaut, die Zahl der drei Räder wurde auf ein Rad reduziert. Aufgrund des langsam fließenden Wassers und der vielen nahe gelegenen Mühlen wurde sie mit 140 cm großen Schaufeln ausgestattet. Der im Nachhinein in die Mauer eingebaute Stein zeigt den Wasserstand des Baches aus 1874. Trotz der Verbreitung der Dampfmühlen gab es Ende des 19. Jahrhunderts in West-Transdanubien zumeist Wassermühlen: eine dieser ist die Szima-Mühle in Szentkirály. In dem 18-19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Mühlen an Müller verpachtet.

Dörfer und Höfe konnten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ohne Schmiede nicht überleben. Die aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammende und aus örtlichen Steinen gemauerte, mit einem Zeltdach und einem Scherenstuhl versehene Schmiede, die im Jahre 1973 aus Cák übersiedelt wurde, ist mit Werkzeugen der ehemaligen Werkstatt in Ják ausgestattet. In dem offenen Vorraum des Gebäudes mit einem freien Rauchfang befindet sich die Hufschmiede, wo bei Gelegenheiten – oder nach Wunsch – Schmiedevorführungen gehalten werden können. Im Sinne von Verordnungen aus dem 18-19. Jahrhundert mussten diese weit von Wohnhäusern und Lagergebäuden, am Rande der Dörfer aufgebaut werden.

Die Sakrallandschaft eines Gebietes machen die im Freien stehenden religiösen Kleindenkmäler, wie Flurkreuze, Bildstöcke oder Kapellen aus, die an einer Straße – oder an Wegkreuzungen – aufgestellt sind und das Ortsbild katholischer Gemeinden prägen. Die einfachste und einst meistverbreitete Form waren Holzkreuze, an die oft auf Blech gemalte Korpusse genagelt wurden. Das aus Körmend im Jahre 1978 gebrachte Kruzifix gehört in diese Kategorie.

Eines der Gemeindebauten des Dorfzentrums im Freilichtmuseum ist der Nachbau der in Perenye um 1800 gebauten, spätbarocken St.-Johann-von-Nepomuk-Kapelle, die mit alten Gegenständen aus der Pfarrkirche von Narda bestückt wurde. János Agilis Kercselics und seine Gattin, Erzsébet Hofer, gründeten zur Aufrechterhaltung der von ihnen erbauten Kapelle eine Stiftung. In dem kleinen Turm hängt eine kleine, in Őrbottyán gegossene Glocke, die auch an die Bauarbeiten erinnert.

 

Straßenreihe  

Die Hügellandschaft des Komitates Vas beherrschen Haufendörfer, auf den flacheren Gebieten befinden sich Straßendörfer.
Dörfer auf den flachen Gebieten wurden in der Nähe von Flüssen, neben Straßen, oder auf beiden Seiten von Bächen gebaut. Auf den quer zu der Straße angelegten schmalen Grundstücken waren die Häuser aneinander  gereiht, seltener sägezahnartig gebaut. Auf den reihenweise bebauten Grundstücken wurden die Wohn- und Wirtschaftsgebäude hintereinander in einer Reihe errichtet, häufig unter einem Dach gebaut. Die Scheunen waren getrennt, oder bildeten am hinteren Ende quer zu dem jeweiligen Grundstück zusammenhängende Scheunenreihen. Hinter ihnen befanden sich die Obstgärten und die Äcker. Kleinere Wirtschaftsgebäude wurden auf der dem Wohnhaus gegenüberliegenden Seite gebaut, hier befanden sich aber auch der Brunnen, sowie der Blumen- und Küchengarten.

Auf den schmalen länglichen Grundstücken der Straßendörfer befanden sich Langhäuser mit einzeiligem Grundriss, in den Siedlungen der westlichen Hügellandschaft gab es überwiegend im rechten Winkel gebaute L-förmige Häuser.
An der Straßenfront gebaute Häuser mit einem L-förmigen Grundriss tauchen erst ab der zweiten Hälfte des  19. Jahrhunderts in den stadtnahen Dörfern auf.

In den Siedlungen des Komitates Vas wurde traditionell aus Holz gebaut. Riesige Wälder lieferten Jahrhunderte lang das Grundmaterial. Die Buchen- und Fichtenwälder der westlichen Hügellandschaft eigneten sich am besten für Blockwände, die gemischten Eichen- und Zerreichenwälder sowie die Galeriewälder der Flussufer waren für Flechtwände ideal. In den mittleren und östlichen Gebieten, sowie in den Dörfern der Völgység und der Hegyhát-Region gab es überwiegend Flechtwerkhäuser. Der Lehmstampfbau erschien in der Mitte des 18. Jahrhunderts als die Behörden und die Grundbesitzer den Schutz der Wälder anordneten. Weder ungebrannte Ziegel, noch Lehmziegel waren gängig, gebrannte Ziegel und das Ziegelbrennen an den Häusern waren erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet. Sie gaben den Dörfern ein neues Gesicht. Gewölbte Laubengänge sind erschienen. Die alten Walmdächer und die gesägten Holzgiebel wurden durch mit Stuck verzierte Ziegelgiebel ersetzt, es gibt aber Typenunterschiede von mehreren Jahrhunderten in dem Gebäudebestand der Dörfer.

Die Gehöfte der Straßenreihe des Freilichtmuseums stammen aus verschiedenen Teilen des Komitates und repräsentieren verschiedene Epochen sowie unterschiedliche soziale und wirtschaftliche Ebenen. Die Gebäude widerspiegeln die archaischste Schicht der ungarischen Architektur. Es gibt Rauchhäuser sowohl ohne jeglichen Rauchabzug oder mit einem freien Rauchfang. Rauchküchen waren in den süd-östlichen Gebieten des Komitates sogar noch zwischen den beiden Weltkriegen verbreitet, aber im Norden, auf den Gebieten der Kleinen Tiefebene, standen bereits vor Jahrhunderten Häuser mit Schornsteinen.

Die halbkreisförmig angeordnete Straße des Freilichtmuseums ist eine Zwangslösung. Ein echtes, für das Komitat Vas typisches Dorfbild kann erst mit der Umsetzung der geplanten II. Phase, dem Bau der beidseitig bebauten Straßenreihe, die um die Kirche im Dorfzentrum herum breiter wird, entstehen.

 

Weilersiedlung

Die Siedlungen im Westen des Komitates Vas, auf der höherliegenden Hügellandschaft südlich des Flusses Raab, in der Wart und dem Vend-Gebiet, sind Streusiedlungen.

Das Vend-Gebiet wurde von Slowenen bewohnt. Ihre auf Rodeäckern gebauten, auf Hügeln alleinstehenden, oder aus Hausgruppen bestehenden Gehöfte bildeten Streusiedlungen. Die einzelnen Wohneinheiten befanden sich einige hundert Meter voneinander ringsum umgeben von den bewirtschafteten Feldern. Die Bewohner des Vend-Gebietes waren katholische Leibeigenen und gehörten zu dem Batthyány-Gut.

Die Dörfer der Wart sind aus den Unterkünften der nach der Landnahme zum Grenzschutz angesiedelten Grenzwächter entstanden. Zwischen den zerstreut stehenden, nicht umzäunten Gehöften befanden sich intensiv bewirtschaftete Gebiete, Wiesen und Obstgärten. Landwirtschaft wurde auf den umliegenden Gebieten betrieben. Die Bevölkerung der Wart ist ungarisch. Ihre Vorfahren erhielten als Gegenleistung für ihren Militärdienst regionale Adelstitel. Ihre Rechte wurden im Laufe der Zeit zwar reduziert, die Dörfer der Wart unterscheiden sich aber aufgrund ihres trotz der Gegenreformation behaltenen protestantischen Glaubens und Privileg-Bewusstseins von den umliegenden Gemeinden.

Die Wart und das Vend-Gebiet sind reich an Archaismen. Für ihre Architektur sind der trotz der Beschränkungen bewahrte Holzbau, die Vielzahl von L-förmigen und umzäunten Häusern, und die weitgehende Rauchfanglosigkeit charakteristisch. Die hiesige Bevölkerung verdiente ihren Unterhalt mit auf Heufütterung basierter Rinderzucht. Ihre Böden wurden mit einer Brandrodungs-Wechselwirtschaft durch Kammpflügen bewirtet. Dünne Äcker boten zwar ein schwieriges Überleben, die darunter lagernde qualitativ hochwertige Lehmschicht ermöglichte aber das Entstehen einer traditionsreichen bäuerlich-handwerklichen Töpferei in zahlreichen Dörfern der Region.

Die Streusiedlung des Freilichtmuseums besteht aus Gebäuden dreier Gehöfte. Das älteste unter ihnen die das Haus aus Felsőszölnök mit Rauchstube, dessen einziger Raum gleichzeitig die Funktion einer Küche und die eines Zimmers erfüllte. Das L-förmige Haus von Farkasfa war ursprünglich auch als Haus mit Rauchstube gebaut, aber es wurde Anfang des 19. Jahrhunderts ein Zimmer mit einem Ofen hinzugebaut und so wurde es zu einem Haus mit einer Rauchküche. Das umzäunte Haus von Szalafő steht für einen einst sehr verbreiteten Haustyp, dessen Spuren lediglich in der Wart erhalten geblieben sind.

 

Weinberg

Entlang des hiesigen Abschnittes des Flusses Raab wurde auf den Bergrücken der sich östlich und südlich erstreckenden Landschaft seit Jahrhunderten Rebe angebaut und Wein produziert. Die Weinberge befanden sich am Rande der Dörfer, sie wurden in kleinen Parzellen bewirtschaftet, sowie mit Heckenzäunen geschützt. Sie konnten durch mehrere Bergtore erreicht werden. Die inneren Bereiche der mit Obstbäumen und Esskastanien übersäten Weinberge wurden durch Flurwege, die die Wirte zu Fuß oder mit dem Wagen begingen, gegliedert. Die mal geregelt, mal ungeregelt stehenden Parzellen der alten Weinberge wurden durch eine breite Grenzlinie, bzw. durch Furchen getrennt. Der untere Teil der Weingärten war mit Heuwiesen, Obstbäumen, Kastanienbäumen, kleineren Gemüsegärten und Krautäckern übersät. Die mit den Weinreben verbundenen Arbeiten, u.a. das Pressen und die Lagerung von Wein und Obst, wurden zumeist auf den Bergen erledigt. Ebenso wie überall in Südwest-Transdanubien wurden auch in dem Komitat Vas die Weinkeller und Presshäuser auf der Erdoberfläche gebaut und hatten Block- und Flechtwerkwände, später Stein- und Lehmstampfwände, sowie Schaubendächer. Zum gelegentlich längeren Aufenthalt im Weinberg bauten die wohlhabenderen Wirte neben den in der Zimmerecke platzierten offenen Feuerstellen Zimmer, Ställe und Scheunen. Hinter der Tür des inneren Weinlagers befand sich das Wertvollste, nämlich der Wein. So wurden diese Türe mit Fallriegelschlössern archaischen Ursprungs, die einen guten Schutz gegen Einbrecher boten, abgesperrt. Die große, alte Baumkelter nahm bis zu einem Drittel des Zentralraumes der Weinkeller ein. Die übergebliebenen Exemplare, genauso, wie die Gebäude auf den Weinbergen, sind ein Beweis für das Können der dörflichen Zimmerleute.